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Historie - Erfolge auf vier Beinen - zu Gast bei Familie Richter

Egal aus welcher Himmelsrichtung, Gäste die nach Großwaltersdorf / Sachsen kommen, werden bereits am Ortseingang von Pferden begrüßt. Die "Stute mit Fohlen" auf den schmiedeeisernen Ortseingangssymbolen weisen auf die über 120jährige Tradition der Pferdezucht in dem Erzgebirgsdorf hin. Sportpferde für den Export zu züchten war mehr als 20 Jahre lang die erste Aufgabe des staatlich anerkannten Pferdezuchtbetriebes Großwaltersdorf. Nachdem 1969 der Entschluss gefasst wurde, innerhalb der damaligen LPG alle Pferde des schweren und edlen Warmblutes abzuschaffen und mit Pferden Trakehner Abstammung eine Zucht aufzubauen, war der Grundstein für die heutige Zucht der Familie Richter gelegt.

"Im Mai 1970 haben wir anlässlich einer Fohlenschau in Graditz erste Zuchtstuten gekauft", erzählt Siegfried Richter, unter dessen Leitung die Trakehner Zucht in Großwaltersdorf stand. Mit der Stute VERONE von Insgeheim aus der Veronika (Elchschaufelbrand) wurde eine erfolgreiche Blutlinie nach Großwaltersdorf geholt. Sie hatte ein Stutenfohlen bei Fuß von dem Hengst Ralf, das später als VINETA eingetragen wurde. Deren Tochter VERSION brachte den ersten gekörten Hengst aus der Großwaltersdorfer Zucht hervor. "VERS I von Neujahr aus der Großwaltersdorfer Zucht schrieb in der DDR Zuchtgeschichte. Er war ein hervorragender Vererber", ist Siegfried Richter noch heute stolz. Bis 1976 wurden weitere Stuten aus Graditz und Kölsa zugekauft. Mit RITA von Altgesell aus der Familie der Rautendelein, LISETTE von Almanach, ORDNUNG von Karneol, NEWA, MAGIE, MARLENE und FELDTAUBE von Malmö xx, GRAZIE von Tertzky, BIRKE und BIRKENLIEBE von Polarkreis sowie der Stute RÄSON von Ciecieruk wurde eine Zucht aufgebaut, die in der DDR einen ausgezeichneten Ruf hatte. Bis 1984 wurde der Stutenbestand stark nach Leistung und Reiteignung selektiert. Alle Zuchtstuten mussten eine Leistungsprüfung ablegen. Jährlich galt es mindestens drei Tiere für den zentralen Verkaufsstall in Neustadt/Dosse bereitzustellen. "Sportpferde brachten uns einen Erlös von 20 000 bis 40 000 Ostmark", sagt Siegfried Richter. Zeitweise standen bis zu 28 Stuten auf dem Hof in Großwaltersdorf und bis 1990 wurden hier regelmäßig Trakehner Hengste vom Landgestüt Moritzburg aufgestallt. NEUJAHR, RALF, POLARKREIS, ALARM, HUMOR, URQUELL, EPHOR, ASPIRANT und SONNENSTRAHL kamen zum Deckeinsatz.

Siegfried Richter inmitten seiner Stuten  Fohlen

Mit dem Auflösen der LPG sollte auch die Großwaltersdorfer Pferdezucht sterben. Damit das züchterische Potential nicht verloren ging, nahmen Inge und Siegfried Richter im Herbst 1990 einen Kredit über 150 000 D-Mark auf und erwarben den gesamten Pferdebestand von 40 Tieren. Für den damals 56jährigen Siegfried Richter ein ungewisser Neuanfang. "Mit dieser Entscheidung wurde es zwingend notwendig auch einen Landwirtschaftsbetrieb aufzubauen. In Verbindung mit der Treuhand und privaten Besitzern konnten wir eine Fläche von 110 Hektar für die eigene Futterversorgung und den Anbau von Marktfrüchten anpachten." Landwirtschaftliche Produktion und Pferdezucht, dafür immer jährlich die finanziellen Mittel aufzubringen ist für Familie Richter nicht immer leicht. "Obwohl wir in den ersten Jahren bis 1996 im Pferdeverkauf noch eine gute Quote im Ergebnis hatten, mussten wir den Betrieb teilen, um neue Wege zu gehen", erzählt Siegfried Richter.

Sohn und Schwiegertochter, Frank und Ina Richter, übernahmen die Hälfte des Betriebes und bauten einen Reitbetrieb auf. Tochter Martina führt mit ihrem Mann Heinz das Landhotel "Trakehnerhof" und Inge Richter behielt den Landwirtschaftsbetrieb.

Fünf gekörte Hengste: VERS I, VERS II und VERSSCHMIED von Alarm aus der Version, VERONAL von Alarm aus der Verone und GRIFFEL von Ephor aus der Grazie bezeichnet Siegfried Richter als große Erfolge der Großwaltersdorfer Zucht. Noch heute ist er stolz darauf, dass der Großwaltersdorfer Stall mit GRATIS von Alarm aus der Graziöse von Neujahr 1988 trotz Teilnahme der großen Gestüte den ersten Platz anlässlich der Stutenschau der dreijährigen Trakehner erringen konnte. "Die Trakehner Zucht in der DDR galt als Genreserve und war ständig in wissenschaftlicher Begleitung. Als Züchter waren wir nie allein. Der Hengsteinsatz wurde mit uns Züchtern gemeinsam gesteuert und Stuten gingen auch mal in einen anderen Zuchtstall. Dazu gab es eine konsequentere Selektion nach Exterieur und Leistung. Das vermisse ich heute etwas."

Auch nachdem sich Siegfried Richter mit seinem Pferdezuchtbetrieb selbständig gemacht hatte, konnte er an die Großwaltersdorfer Erfolge anknüpfen. Mit den Stuten FELDHERRIN von Ephor aus der Feldrose, VANESSA XII von Hohenstein aus der Veranie, REFERENZ von Friedbert aus der Ramira, GOLDFEE von Goldregen aus der Grasmücke und AMANDA OPERA von Peking Opera xx aus der Adrette gelang es dem Züchter bei den zentralen Eintragungen Sieger- und Prämienstuten zu stellen. Dazu brachte er drei Hengste als Körkandidaten zum Hengstmarkt nach Neumünster.

Mit der Stute RAMINA von Ephor aus der Ravka begannen Sohn und Schwiegertochter den Einstieg in die Trakehner Zucht. Die Siegerstute ihrer Altersklasse der Zuchtschau der Neuen Bundesländer von 1999 brachte bisher sechs Fohlen und ist mit dem siebenten tragend. In den vergangenen vier Jahren wurde vor allem Vollblut in der Zucht eingesetzt. Zum Deckeinsatz kam dabei PEKING OPERA xx von Saddler’s Wells xx. "Uns ist es wichtig Reitpferde mit gutem Charakter, solidem Fundament, korrekter Gliedmaßenstellung und guten Bewegungen zu züchten. Trotz des hohen Blutanteil sollen die Tiere von jedem zu handhaben sein und sich für Freizeit und Turnier eignen. Der Charme und Geist des Trakehner Pferdes stehen dabei mit im Vordergrund", erklärt Frank Richter. In seinem Stall befinden sich sieben Zuchtstuten und vier Jungstuten sowie elf Hengste und sechs Stuten zur Aufzucht. Die jungen Pferde werden getrennt nach Geschlecht in Gruppen aufgezogen. Im Sommer grasen die Tiere auf weitläufigen kupierten Weiden und im Winter sind sie in Einzel- oder Laufboxen mit täglichem Koppelgang aufgestallt. Angeritten werden die jungen Pferde mit drei Jahren. Nach ausreichender Longenarbeit reiten Ina Richter, Landwirtin und Pferdewirtschaftsmeisterin sowie die ehemalige Auszubildende des Betriebes und Trägerin der "Lehndorffplakette", Sandra Kern, die Pferde ein. Danach gehen diese noch einen Sommer auf die Dauerweide und werden erst vierjährig in Prüfungen vorgestellt. Neben der Zucht betreiben Frank und Ina Richter noch eine Reitanlage mit Pensionspferdestall sowie einen Schulpferdestall. Vier Trakehner gehen ebenso im Unterricht, wie edle Warmblüter und Welsh Ponies.

Der Reitschulbetrieb wird in der 20 x 40 Meter großen Reithalle oder auf den beiden Außenplätzen abgehalten. Die Großwalterdorfer Reiter haben außerdem die Möglichkeit auf der Geländestrecke des Ortes zu trainieren. Hier findet jährlich am letzten Wochenende im September ein Vielseitigkeitsturnier statt. Seit vier Jahren in der Klasse CCI*. Der Turniersport in dem idyllisch gelegenen Erzgebirgsdorf hat eine lange Tradition. Bereits in den 70er Jahren fanden hier große nationale Turniere in Dressur, Springen, Vielseitigkeit und Fahren statt. Heute kommen Teilnehmer aus 14 Bundesländern und bis zu fünf Nationen nach Großwaltersdorf um sich drei Tage lang zu messen. Selbst Olympiateilnehmer Dr. Matthias Baumann startete bei dem Vielseitigkeitsturnier schon mehrmals. Das Großwaltersdorf heute ebenso wie vor Jahrzehnten ein "Pferdedor" ist, zeigt nicht zuletzt das Engagement der Familie Richter für die Trakehner Zucht.

Mit dem Weiterführen der traditionsreichen Zucht und dem Turniersport stehen die Ortseingangssymbole nicht nur für die Geschichte des Ortes sondern sind auch Symbol für die Zukunft der Trakehner Pferdezucht in Großwaltersdorf.

Quelle: Trakehnerhefte Mai 2004

 

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